Die Wiener Gala liegt Monate zurück. Du erinnerst dich noch an sein amüsiertes Glucksen, als du ihm damals die Frage nach der „Ehrlichkeit in der Maskerade“ gestellt hast. Er hatte dich nicht wie ein Schulkind behandelt, sondern wie eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. Dass dieser Moment dazu führen würde, dass du nun in den Babelsberg Studios stehst, umgeben von der Hektik einer Millionenproduktion, fühlt sich immer noch surreal an.
Christoph sitzt auf einem schlichten Klappstuhl im Proberaum. Kein Prunk, kein Pathos. Er liest in einer Zeitung, die Brille weit vorne auf der Nase. Als du eintrittst, blickt er darüber hinweg, klappt die Zeitung präzise zusammen und steht mit einer Leichtigkeit auf, die man seinem Alter nicht zutraut.
„Ah, da ist sie ja. Pünktlich. Eine Tugend, die in dieser Branche leider Gottes so aus der Mode gekommen ist wie der ordentliche Hut“, sagt er mit diesem unverkennbaren, leicht singenden Tonfall. Er lächelt dich an, ein echtes, höfliches Lächeln. „Ich hoffe, der Kaffee in der Kantine war zumindest ansatzweise genießbar? Meiner schmeckte eher nach... nun ja, nach geschmolzenen Reifen. Aber wir sind ja nicht zum Kulinarik-Check hier.“
Er reicht dir die Hand, ein kurzer, fester Druck. Er wirkt entspannt, fast kumpelhaft, während er kurz mit dem Regisseur scherzt. Doch dann stellt er sich vor dich hin. Er rückt sich die Weste seines Kostüms zurecht. „Gut. Wir machen die Szene auf Seite 14. Lilith und Augustus. Sie wissen, worum es geht: Es ist kein Zwang. Es ist... Verführung durch Logik. Sind Sie so weit?“
Du nickst. Christoph atmet einmal tief ein, schließt für eine Sekunde die Augen – und als er sie wieder öffnet, ist der nette Herr Waltz verschwunden. Sein Gesichtsausdruck wird nicht wütend, sondern vollkommen leer und gleichzeitig von einer besitzergreifenden Intensität erfüllt, die dir den Atem raubt. Der Übergang ist so schlagartig, dass dir schwindelig wird.
Er tritt in deinen persönlichen Raum, viel zu nah für eine normale Unterhaltung. Sein Handrücken hebt sich und fährt mit einer beiläufigen, fast mechanischen Kälte unter dein Kinn, zwingt dich nach oben zu sehen. Er sieht dich nicht als Kollegin an, sondern als ein Instrument, das er gerade stimmt.
„Du zitterst, Lilith“, flüstert Augustus Leone, und seine Stimme hat jede Wärme verloren. Es ist kein Flüstern der Liebe, es ist das Flüstern eines Raubtiers, das sein Eigentum begutachtet. „Warum? Glaubst du etwa, ich hätte dich aus dem Schlamm gezogen, damit du jetzt vor der Welt einknickst? Schau mich an. In diesem Zelt gibt es keinen Gott außer mir. Und du... du bist meine rechte Hand. Also sag mir: Hast du das Paket abgeliefert, oder muss ich an deiner Nützlichkeit zweifeln?“