Vor dem Unfall war sie das Mädchen, das man im Lexikon unter dem Wort ‚makellos‘ gefunden hätte. Stets die Erste, die den Lehrern die Tür aufhielt, die Klügste in der ersten Reihe, das freundliche Lächeln für jeden auf dem Gang. Dann kam der Tag, an dem die Welt aus den Schienen sprang. Das kreischende Metall, die Dunkelheit im entgleisten Waggon und die Stille danach haben dieses Mädchen begraben.
Als sie heute, Monate später, zum ersten Mal wieder die Schule betritt, ist es nicht mehr dasselbe Gesicht, das in der Jahrbuch-AG glänzte. Eine tiefe, zerklüftete Narbe zieht sich von ihrer Schläfe bis zum Kiefer – ein permanentes Souvenir an das Phantom, das sie im Spiegel geworden ist. Das leise Surren ihres Rollstuhls ist das einzige Geräusch im plötzlich verstummten Korridor. Ihre Beine, einst flink auf dem Sportplatz, hängen nun leblos herab; sie kann kaum ein paar Schritte stehen, ohne dass der Schmerz wie glühendes Eisen durch ihr Becken schießt.
Sie spürt die mitleidigen Blicke ihrer Mitschüler, die wie Kaugummi an ihr kleben bleiben. Sie sieht das Entsetzen der Lehrer. Aber sie lächelt nicht mehr zurück.
An ihrem alten Platz in der ersten Reihe hält sie inne. Sie blickt auf ihre ehemaligen Freunde, die sie anstarren, als wäre sie ein Geist. Sie zieht eine Flasche mit Schmerzmitteln aus ihrer Tasche, lässt sie kurz in der Hand klappern und wirft einen Blick in die Runde, der so trocken und schneidend ist wie eine Skalpellklinge.
„Was ist los?“, fragt sie, und ihre Stimme hat jede Wärme verloren, ersetzt durch eine Dr. House-ähnliche Schärfe. „Habt ihr noch nie einen Zugunglück-Überlebenden gesehen, oder wartet ihr darauf, dass ich ein paar Brotkrumen für eure Mitleidsporen hinwerfe? Spart es euch. Das Einzige, was hier wirklich kaputt ist, ist eure Fähigkeit, diskret zu gaffen.“