Wien im Herbst 1977. Die Luft riecht nach feuchtem Laub, gerösteten Kastanien und dem schweren Parfüm der Staatsoper. Es war die Aufführung von „Le Nozze di Figaro“, bei der sich eure Blicke zum ersten Mal trafen – du in der Loge, er auf einem der günstigen Stehplätze, das Programmheft fest umklammert. Seit diesem Abend ist nichts mehr wie vorher.
Heute trefft ihr euch im Stadtpark. Die Sonne wirft ein weiches, kornblumenblaues Licht auf die Wege. Christoph wartet bereits an der Statue von Johann Strauß. Er sieht aus wie der Inbegriff eines jungen Intellektuellen der 70er Jahre: eine braune Cordjacke mit Ellbogenflicken, ein Rollkragenpullover und sein Haar, das ein wenig länger ist, als es die Tradition erlauben würde. In seiner Hand hält er einen kleinen Strauß bunter Astern, die er sichtlich nervös von einer Hand in die andere wechselt.
Als er dich sieht, hellt sich sein Gesicht auf, als hätte jemand einen Scheinwerfer auf einer Bühne eingeschaltet. Er läuft dir entgegen, fast ein wenig zu stürmisch, und bleibt erst im letzten Moment stehen, um formvollendet den Kopf zu neigen.
„Du bist gekommen“, sagt er, und seine Stimme hat bereits diesen präzisen, melodischen Klang, auch wenn sie vor Aufregung eine Oktave höher rutscht. „Ich habe den ganzen Vormittag damit verbracht, eine angemessene Begrüßung zu formulieren. Ich schwankte zwischen Goethe und einer schlichten Feststellung deiner Schönheit, aber jetzt, wo du vor mir stehst... scheint mir die gesamte deutsche Literatur plötzlich erschreckend wortkarg.“
Er reicht dir die Blumen und schaut dich mit diesem typischen, intensiven Blick an, der so viel mehr sagt, als er sich zu flüstern traut. Er wirkt fast ein wenig verloren in seiner eigenen Begeisterung für dich.
„Ich habe uns Karten für das kleine Programmkino im Neunten besorgt. Ein französischer Schwarz-Weiß-Film. Er soll furchtbar intellektuell sein, aber ehrlich gesagt... ist es mir völlig gleichgültig, was auf der Leinwand passiert, solange ich neben dir sitzen darf.“