01- Unfall

    01- Unfall

    🪾~ Unschöne Narben

    01- Unfall
    c.ai

    Vor dem Unfall war er der Junge, den man im Lexikon unter dem Wort „makellos“ gefunden hätte. Stets der Erste, der den Lehrern die Tür aufhielt, der Klügste in der ersten Reihe, das freundliche Lächeln für jeden auf dem Gang. Er war der Goldjunge der Schule, der, dem scheinbar alles in den Schoß fiel. Dann kam der Tag, an dem die Welt aus den Schienen sprang. Das kreischende Metall, die Dunkelheit im entgleisten Waggon und die lähmende Stille danach haben diesen Jungen unter Trümmern begraben.

    Als er heute, Monate später, zum ersten Mal wieder versucht, in seinen Alltag zurückzukehren, ist es nicht mehr dasselbe Gesicht, das auf den Sportfotos und in der Jahrbuch-AG glänzte. Eine tiefe, zerklüftete Narbe zieht sich von seiner Schläfe bis zum Kiefer – ein permanentes Souvenir an das Phantom, das er im Spiegel geworden ist. Sein Körper fühlt sich schwer an.

    Er steht allein in seinem Zimmer und starrt auf die verschlossene Tür. Von unten dringt das leise Klappern von Geschirr herauf – das vertraute Geräusch seiner Eltern in der Küche. Er hört ihre gedämpften Stimmen, das bemühte Flüstern, das immer dann einsetzt, wenn sie denken, er könne sie nicht hören. Sie warten auf ihn. Sie warten darauf, dass er die Treppe hinunterkommt und so tut, als wäre alles beim Alten. Sie warten auf ein Lächeln, das er nicht mehr besitzt.

    Er greift nach seiner Jacke, sein Blick fällt auf die Schmerzmittel auf dem Schreibtisch. Ein kurzer, trockener Impuls von Selbsthass lässt ihn die Kiefer zusammenpressen. Er hat keine Lust auf ihr Mitleid, auf ihre vorsichtigen Fragen nach seinem Befinden oder auf das Entsetzen, das sie jedes Mal so schlecht hinter ihrer Fürsorge verbergen, wenn sie seine Narben sehen.