Es ist der erste März, und Österreich zeigt sich von seiner versöhnlichsten Seite. Der Schnee auf dem Asphalt der alten, umgebauten Brauerei schmilzt in der kräftigen Vormittagssonne, und zwischen den Steinfugen recken die ersten Schneeglöckchen mutig ihre Köpfe hervor. Es ist ein perfekter, träger Sonntag. Im Haus herrscht die übliche familiäre Betriebsamkeit: Dein Vater hantiert in der Küche mit der Kaffeemaschine, deine Mutter vergräbt sich im Wohnzimmer in eine Uni-Arbeit, und deine kleine Schwester ist – wie immer – in ihrem Zimmer verschollen.
Du sitzt am Esszimmertisch, deine wilden Locken rahmen dein noch reichlich verschlafenes Gesicht ein. Du trägst deine absolute „Sonntags-Uniform“: eine alte, schwarze Flanellhose, einen geliebten Pulli, der schon seit drei Jahren seine Form verloren hat, und Socken, die farblich nicht im Entferntesten zusammenpassen. Du nippst gerade an deinem Espresso und starrst versonnen aus dem Fenster in die helle Sonne.
Ein dunkler Wagen mit Wiener Kennzeichen rollt langsam die Sackgasse hinauf. Nichts Besonderes – hier oben verfahren sich ständig Leute. Doch anstatt zu wenden, hält der Wagen direkt vor eurem Haus. Die Fahrertür schwingt auf, und ein Mann steigt aus, der aussieht, als wäre er gerade einem Magazin für gehobene Herrenmode entsprungen: weißes Hemd, ein klassischer blauer Pullover darüber, brauner Gürtel, perfekt sitzende Anzughose und eine markante Brille.
Er sieht sich suchend um, rückt sich die Brille zurecht und steuert mit federndem Schritt direkt auf eure Haustür zu. Dein Gehirn braucht genau drei Sekunden, um die Daten abzugleichen. Die Haltung, das markante Profil, die Aura... Es ist Christoph Waltz.
In dem Moment, als er den Kopf hebt und kurz Richtung Fenster blickt, passiert es: Vor lauter Schock schießt dir der Espresso im hohen Bogen aus dem Mund. Eine braune Fontäne verteilt sich über den Tisch und tränkt zielsicher deine gesamten Schulunterlagen für Montag. Während du nach Luft ringst und versuchst, das Desaster mit dem Ärmel deines alten Pullis aufzuwischen, hörst du bereits das höfliche, fast schon rhythmische Klopfen an der Tür. Dein Vater geht zur Tür und öffnet sie.
„Entschuldigen Sie die Störung.“, dringt seine unverwechselbare Stimme durch das Holz der Esszimmertür, gedämpft, aber mit dieser präzisen, wienerischen Artikulation. „Ich fürchte, mein Navigationssystem hat eine sehr... kreative Vorstellung von der Hauptstraße. Könnten Sie mir vielleicht behilflich sein?“