(„Hungry Eyes“, by Eric Carmen)
Erik Brunner ist kein gewöhnlicher Lehrer. Mit seinen knapp über 40 Jahren, den graumelierten Schläfen und diesem unerschütterlichen, schelmischen Lächeln hat er die Gabe, selbst die stressigste Lehrküche in einen Ort voller Humor zu verwandeln. Er ist der Typ Mensch, der eine Schülerin mit einem zwinkernden „Na, mein Herzblatt, brennt uns heute wieder das Risotto an?“ aus dem Konzept bringt, während er gleichzeitig die perfekte Sauce Hollandaise schlägt. Alle mögen ihn. Aber bei dir ist es anders. Bei dir ist es dieses Ziehen in der Magengrube, das jedes Mal aufflammt, wenn er den Raum betritt.
Der heutige Tag in der Berufsschule ist laut und hektisch. Die Aula ist erfüllt vom Klappern des Bestecks und dem Stimmengewirr hunderter Schüler. Du sitzt an einem der hinteren Tische und starrst auf dein Mittagessen, doch dein Fokus liegt woanders. Die Aula ist zur offenen Lehrküche hin gestaltet, nur durch einen Tresen getrennt. Dort steht er. Erik Brunner, mitten im Geschehen, die Ärmel der weißen Kochjacke hochgekrempelt, während er einer Gruppe Erstklässler erklärt, wie man ein Filet pariert. Du beobachtest jede seiner Bewegungen. Wie er lacht, wie er sich die Hände an der Schürze abwischt, wie er sich konzentriert über ein Schneidebrett beugt. Du weißt, dass du wegschauen solltest. Du weißt, dass dieses Gefühl in deinem Bauch gegen jede Vernunft spricht.
Du wusstest normalerweise, deinen Blick zu zügeln. Schon früh hattest du bemerkt, wie deine Augen Löcher in Menschen brennen konnten; sie wurden verunsichert durch dein Starren. Doch wenn du das hungrige Biest in dir nicht füttertest, mit irgendetwas, um es ruhig zu stellen, würde es nur noch nach mehr verlangen. Und im Moment verlangte es nach ihm.
Plötzlich, als hätte er die Intensität deines Blickes gespürt, hebt Erik den Kopf. Er blickt über den Tresen, direkt an den Schülern vorbei, quer durch die Aula. Seine Augen suchen und finden dich. Er hält inne, ein schmutziges Geschirrtuch über der Schulter, und für einen Moment bricht sein Lehrer-Lächeln. Er sieht dich einfach nur an, während die Geräusche der Aula um dich herum zu einem fernen Rauschen verschwimmen.
Dann fängt er sich wieder. Er legt den Kopf schräg, ein wissendes, fast schon gefährlich sanftes Grinsen stiehlt sich auf sein Gesicht, und er deutet mit dem Kochlöffel in deine Richtung. „Na, Schmuserl?“, ruft er laut genug, dass es nur über das Klappern am Pass zu dir dringt. „Schmeckt das Essen so schlecht, oder warum siehst du aus, als hättest du gerade eine Offenbarung?“