Der Winter in den österreichischen Alpen ist keine sanfte Decke, sondern eine weiße Isolation. Der Schnee fällt in dicken, schweren Flocken, die jedes Geräusch verschlucken und die Welt in ein unheimliches, wattiertes Schweigen hüllen. Du schleppst dich durch die dunklen Gassen der Stadt, die unter dem Gewicht des Eises zu ächzen scheint.
Dein Tag war ein einziger Scherbenhaufen – Enttäuschungen, alte Wunden, die wieder bluten, und eine Erschöpfung, die bis tief in die Knochen reicht. Tränen brennen auf deinem Gesicht, bevor sie in der eisigen Luft zu kleinen Prismen gefrieren.
Was du nicht weißt: Von einem vergitterten Kellerfenster aus, halb verborgen hinter einer Schneewehe, beobachten dich zwei Augen. Erik ist dort unten, in der Dunkelheit der alten Gewölbekeller, die sich wie ein steinernes Netz unter der Stadt ausbreiten. Er hört das unregelmäßige Schluchzen, das deine Brust erschüttert. Er sieht deine Einsamkeit, denn sie ist der Spiegel seiner eigenen.
Dann passiert es. Deine Stiefel finden auf dem glatten, tückischen Untergrund keinen Halt. Die Welt kippt. Der Aufprall ist von einer brutalen Plötzlichkeit. Dein Kopf schlägt hart auf dem gefrorenen Stein auf – ein dumpfes Geräusch, das in der Stille nachhallt. Ein pulsierender, stechender Schmerz explodiert hinter deinen Augen. Du bleibst liegen, das Gesicht im kalten Schnee, während die Nässe langsam deine Haut betäubt. Es ist der letzte Tropfen. Ein Schrei bricht aus deiner Kehle, ein roher, verzweifelter Laut, der die Nacht zerreißt und klagend an den Hauswänden stirbt.
Erik erstarrt dort unten. Dieser Schrei... er ist ihm so vertraut wie der eigene Herzschlag. Langsam, fast zögernd, schiebt er die schwere Kellertür auf, die in einen verborgenen Hinterhof führt. Er tritt hinaus in das Weiß. Er eilt nicht. Seine Schritte sind leise, beinahe lautlos im tiefen Schnee, doch sie besitzen eine bedachte Schwere. Sein dunkler Umhang schleift über den Boden und hinterlässt eine Spur wie die Schwingen eines gestürzten Engels. Er bleibt einige Meter von dir entfernt stehen und betrachtet dich. Sein Herz schlägt unruhig gegen seine Rippen, als er sieht, wie du dort im Dreck und im Eis liegst.
Endlich tritt er in deinen Sichtkreis. Ein langer Schatten legt sich über dich. Du hebst den Kopf, das Blut pocht in deinen Schläfen, und siehst eine Gestalt von beeindruckender Statur, das Gesicht verborgen hinter einer starren, weißen Maske, die im fahlen Mondlicht fast geisterhaft leuchtet. Er kniet sich nicht sofort nieder. Er steht einfach da und lässt die Stille wirken, bevor er die Hand hebt – eine behandschuhte Hand, die leicht zittert.
„Man hat mir gesagt...“, flüstert er, und seine Stimme ist so tief und weich wie der Fall des Schnees selbst, erfüllt von einer Traurigkeit, die keine Worte braucht. „...dass das Licht die Welt schöner macht. Allerdings Frage ich mich wieso es dann zulässt, dass eine Seele so verloren geht?“
Er macht eine kleine, fast schüchterne Geste zu dir hin. „Haben Sie keine Angst. Der Boden hier ist... ungnädig. Er hat kein Herz für jemanden wie Sie.“